What Remains of Edith Finch – Review: Eine bittersüße Erfahrung

Die Geschichte der Finchs ist eine merkwürdige und voller Tragödien, die die 17-jährige Edith Finch nie so ganz verstehen konnte. Erst mit dem Tod ihrer Mutter Dawn kehrt sie zurück in das Familienhaus, um mehr über einen abgeblichen Fluch zu erfahren. Ob sich der Blick in die Vergangenheit lohnt, verrate ich euch.

Bevor ich ins Detail gehe, eine Sache vornweg: Wenn ihr Spiele wie Firewatch, The Vanishing of Ethan Carter oder Everybody’s Gone to the Rapture mögt, dann informiert euch nicht weiter über What Remains of Edith Finch, sondern greift direkt zu. Entwickler Giant Sparrow, die zuvor schon mit The Unfinished Swan für die PlayStation 3 ein wundersames, kurzweiliges Abenteuer abgeliefert haben, zeigt, dass das oftmals abfällig als “Walking Simulator” verschriene Subgenre der Adventure-Spiele nicht nur aus laufen und zuhören bestehen muss. What Remains of Edith Finch ist der wohl bislang verspielteste Genrevertreter und für Fans definitiv einen Blick wert.

Zehn Geschichten – Zehn Kreationen

Warum das so ist, lässt sich nur schwer in Worte zu fassen, ohne dass man zuviel verrät. Als Spieler übernimmt man die Rolle der 17-jährigen Edith Finch, deren Mutter vor kurzem verstorben ist und ihr als letzte Nachkommin der Finchs lediglich einen kleinen Schlüssel überlässt. Um zu erfahren, was es damit auf sich hat, muss sie zurück zum alten, sehr schiefen und von außen doch recht merkwürdig anmutenden Familienhaus, welches mit seiner Detailverliebtheit und urigen Art und Weise einer der spannendsten Spielorte des Jahres ist. Im Haus wohnt keiner mehr und vieles deutet daraufhin, dass die einstigen Bewohner zum Schluss zügig die Beine in die Hand genommen haben, um einem merkwürdigen Fluch zu entkommen, der schon seit mindestens drei Generationen die Finchs auf Trab hält. Viele von ihnen sind früh gestorben, nicht wenige noch vor dem 18. Lebensjahr.

In Person von Edith Finch machen wir uns also auf die Suche nach Antworten, die sich uns in insgesamt zehn Geschichten mal mehr, mal weniger offenbaren. Die Erkundung des Hauses erinnert auf dem ersten Blick an Gone Home, während die erzählenden Worte wie in einem magischen Bilderbuch in die jeweilige Szene hineinfliegen und kurz darauf wieder verschwinden, nachdem sie von der ausschließlich englischsprachigen Stimme vorgelesen wurden. Die Gedankenwelt unserer Protagonistin offenbart sich stets vor unserem Auge und lässt uns teilhaben an ihren Erinnerungen, die sie mit dem jeweiligen Familienmitglied verbindet. Bei der passiven Teilnahme bleibt es aber nicht, denn in jedem neu entdeckten Raum werden wir auch aktiv mit den letzten Lebensabschnitten des jeweiligen Finchs konfrontiert. In diesen Momenten hebt sich What Remains of Edith Finch von der Genrekonkurrenz ab, in dem die Entwickler ihre Spielmechaniken bewusst zum Erleben der jeweiligen Geschichte einsetzen und nicht nur als lästiges Beiwerk.

Die Mechaniken, so simpel und teils bewusst monoton sie auch sein mögen, tragen jederzeit zur Geschichte bei. Giant Sparrow beweist hier eindrucksvoll, wie man eine spannende Geschichte mit den aktiven Elementen des Mediums Videospiele verbindet, ohne dabei den Blick für das große Ganze zu verlieren. Weder Buch, noch Film können diese Art von Erzählung wiedergeben, wie sie What Remains of Edith Finch in sich trägt. Durch den bei jedem Familienmitglied unterschiedlich aktiven Part, erlebe ich die Geschichte anders und bin nicht nur ein Zuschauer, wenn es ums Drachen steigen, Schaukeln oder Baden geht. Dabei handelt es sich zwar ausschließlich um kleine Minispiele, aber sie wissen in ihrer vielfältig kreativen Art und Weise die Geschichte voranzubringen, ohne auch nur eine Minute zu langweilen.

Technik für ein paar Spielstunden

What Remains of Edith Finch ist dabei kein optischer Hingucker wie The Vanishing of Ethan Carter, gibt aber trotz den teils unscharfen Texturen ein durchgängig hübsches Bild ab. Der spielerische Mittelpunkt, das Haus der Finchs, punktet durch eine sagenhafte Detailverliebtheit, die nur in den sich dauerhaft wiederholenden Buchtiteln einen minimalen Kratzer erhält. Es knarzt beim Laufen über die Holzdielen, Scharniere quietschen und jedes Zimmer gewährt einen Blick in eine andere Generation. Während die zehnjährige Molly über einen Goldfisch und Mäuse verfügt, erblickt man in Lewis Zimmer ein “Legalize it”-Poster, einen halbwegs modernen PC und eine Spielekonsole. Vieles davon bietet sich an, es näher anzuschauen, aber What Remains of Edith Finch lässt nur wenige Interaktionsmomente zu.

Die Geschichte von Edith Finch und ihrer Familiengeschichte endet nach zirka zwei bis drei Spielstunden mit einem wunderschönen, trotz offener Frage zufriedenstellenden und Gänsehaut verursachenden Finale. Hut ab, Giant Sparrow!

Fazit

What Remains of Edith Finch ist die neue Messlatte, wenn es um solche “Light Adventures” oder auch “Walking Simulator” geht. Statt sich nahezu ausschließlich auf passive Erfahrungen zu konzentrieren, schaffen es die Entwickler ihre Spielmechaniken fest mit der Narration zu vereinbaren und abhängig voneinander zu gestalten. Beim reinen Lesen oder Zuschauen hätten die Kurzgeschichten der Finchs deutlich weniger Eindruck hinterlassen.

Bemerkenswert ist zudem, wie beherzt und mit wieviel Feingefühl die Entwickler jederzeit zwischen einem lachenden und einem tränenden Auge hin- und herwechseln, ohne dabei ins kitschige abzudriften. What Remains of Edith Finch ist gewiss keine “Gute Nacht”-Geschichte, aber eine bittersüße Erfahrung, die jeder einmal gemacht haben sollte. Selbst für die in Relation zur Spielzeit nicht ganz günstigen 20 Euro.

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