Dishonored 2 – Review: “Hey There Delilah”

Der Vorgänger war 2012 eines meiner absoluten Highlights des Spielejahres. Mit Dishonored 2 setzen die Arkane Studios ihre Reise fort, die fast schon identisch anmutet, aber trotzdem runder – wäre da nicht die Void-Engine.

Die Familie Kaldwin hat es nicht einfach: Erst wird Kaiserin Jessamine Kaldwin ermordet und droht den Thron zu verlieren, da steht ein paar Jahre später Tochter und aktuelle Kaiserin Emily Kaldwin vor sehr ähnlichen Problemen. Erst tötet jemand Unbekanntes all ihre Kritiker, was die Presse natürlich zu Spekulationen unehrenhafter Art einlädt und dann wird ihr noch am Todestag ihrer Mutter die Krone im Zuge eines Staatsstreichs aus Karnca im wahrsten Sinne des Wortes entzogen. All das passiert in den ersten fünf bis zehn Minuten von Dishonored 2 – und das offenbart frühzeitig den ersten Kritikpunkt.

Der Anfang der Geschichte von Dishonored 2 ist ähnlich gehetzt und stürmisch wie im Vorgänger. Selbst die Ausgangslage ist beinahe identisch: Man gilt als Verräterin, wird verfolgt und muss erst einmal untertauchen, während man in der Zeit nach und nach die der neuen Kaiserin nahestehenden Leute aus dem Weg räumt. In diesem Fall hat Arkane nur wenig in den letzten vier Jahren gelernt, denn die reine Haupthandlung ist erneut wenig originell oder kreativ. Besonders schlecht ist sie nun ebenso nicht und immerhin erfährt man ein wenig mehr über den mysteriösen Outsider, der schon einst Corvo seine mächtigen Kräfte zur Verfügung gestellt hat. Die wahre Stärke der Narration liegt aber trotzdem wieder einmal in den Geschichten, die Dishonored 2 in Büchern, Umgebungen, Zeitungsausschnitten, Audiologs oder durch das Herz (besonders pikant wenn man mit Emily spielt) erzählt.

All diese Dinge, aber vor allem eben jenes Herz wodurch ihr Kommentare zu allen NPCs hören könnt, zeichnen eine immens spannende Welt, die sich nicht plump in gut und böse einteilen lässt. Obwohl ihr so spielen könntet, denn am Ende liegt die moralische Instanz vollkommen bei euch. Die Entwickler zwingen euch kein Entscheidungen auf, stellen kein pseudo-philosophischen Fragen, sondern lassen euch wie im Vorgänger vollkommen selbst entscheiden. Ihr könnt als Engel oder Dämon der Selbstjustiz voranschreiten, alles und jeden umnieten, denn gewissermaßen haben es die Bewohner, Wachen und Politiker verdient. Alternativ lasst ihr es sein oder entscheidet immer von Fall zu Fall – am Ende herrscht trotzdem Chaos, aber ihr bestimmt dessen Ausmaß.

Spielerisch sich treu geblieben

Chaos, umbringen, schleichen, Vergeltung oder Gnade: Da wären wir beim Spiel und auch da hat sich auf dem ersten Blick in Dishonored 2 gar nicht so viel getan. Ähnlich wie schon bei der Moral und somit wie im direkten Vorgänger gibt uns Arkane Unmengen an Optionen, Kräfte und Gadgets, die wir nutzen können, aber nicht müssen, um das jeweilige Ziel in einem Level zu erreichen. Neu ist dabei nur, dass wir erstmals die übernatürlichen Fähigkeiten des Outsiders ablehnen können – wenn schon Alternativen abdecken, dann eben konsequent. Ein Balanceproblem entsteht dadurch nicht, denn auch ohne Schattengestalt, Teleport oder Doppelgänger stehen euch noch genügend Wege offen, um euren Spielstil, egal ob nun offensiv oder passiv, auszuleben. Es wird halt nur eben ein Stück weit schwieriger, da ihr euch endgültig auf eure irdischen Talente verlassen müsst.

Persönlich habe ich mich in meinem ersten Durchgang für das Nicht-Morden und Schleichen entschieden inklusive der Option für Superkräfte. Diese erleichtern mir so manche Momente, sind aber längst nicht so stark wie im Vorgänger, wo der Teleport und die Detektivsicht das Spiel zum Kinderabenteuerplatz mutieren ließen. Die Reichweite beider Funktionen fällt geringer aus, während die Wachen nun deutlich weiter sehen und insgesamt von einer guten KI angetrieben werden. Sie bemerken, wenn zuvor geschlossene Türen offen bleiben, wenn Patrouillen aufeinmal verschwinden oder sie gehen beim zweiten Mal einen anderen Weg, anstatt immer derselben Routine zu verfolgen – das in Schleichspielen oft genutzte Element des Auswendiglernens schränkt Arkane dadurch ein Stück weit ein. Leider hakt es aber bei den jeweiligen Prozessen hin und wieder, so dass die KI etwa einen durch Wände entdeckt oder sich aus dem Nichts in eine Ecke stellt und für immer dort verharrt. Zum Glück gibt es sowohl am PC als auch auf den Konsolen Quick-Save und Quick-Load, womit man diese frustrierenden Fehler ein Stück weit umgeht.

Abgesehen von solchen Fehlern umhüllt Dishonored 2 mein Schleicherherz mit einem warmen Gefühl. Das hervorragende Design der offenen Levelhubs, die größer ausfallen als zuvor, bietet mir genügend Wege, wie ich mein Ziel erreiche ohne dabei jemanden umzubringen oder gar, sofern man darauf aus ist, ohne gesehen zu werden. Wichtig ist dabei Geduld zu haben, denn wer einfach nur durchhuscht, wird so manches Storyelement oder einen alternativen Weg verpassen, der vielleicht sogar interessanter ist. Gefühlt gibt es für jede Tür vier oder fünf Schlüssel für euren Spielstil, die nur darauf warten von euch gefunden zu werden. Sobald ihr hindurchschreitet, findet ihr anschließend Räume, wovon fast jeder zu einem gewissen Grad seine eigene Geschichte erzählt und wiederum neue Wege zu neuen Orten innerhalb des Levels ermöglicht. Erst bei solchen Dingen fällt einen auf, wie genial dieses Leveldesign wirklich ist, wenn man bedenkt, dass es nicht nur zwei Charaktere mit unterschiedlichen Fähigkeiten entsprechen muss, sondern auch noch den Leuten, die auf diese Fähigkeiten verzichten. Grund genug für mich beim zweiten Durchspielen Corvo in offensiver Manier zu nutzen und eventuell ein drittes Mal gleich ganz auf den Outsider zu verzichten.  Zudem jeder Level noch immer etwas Einzigartiges hat, etwa ein mechanisches, sich mit Schaltern veränderbares Haus oder Rätsel, die tatsächlich mal die grauen Zellen benötigen oder ein Spiegel, der eine ganz andere Zeitebene zeigt.

Wie stark die offensiven Fähigkeiten sind, kann ich übrigens bislang nicht vollständig beurteilen. Mit Emily nutze ich fast ausschließlich ihr “Far Reach”, um gewisse Kanten oder Ebene zu erreichen und selten mal die Detektivsicht. Die Runen, mit denen ich Kräfte in einem Mini-Talentbaum freischalte, bringen mir also fast gar nichts sie zu finden, da ich bislang schon für mich alles wichtige besitze. Selbiges gilt für die Knochensplitter, die man übrigens mit einer Fähigkeit mittlerweile sogar selbst herstellen kann. Für Offensivkünstler lohnen sich aber beide Gegenstände, denn es verleiht einem schon ein ziemlich beeindruckendes Machtgefühl, wenn man als Schattenmonster über den Boden schlurft, drei Gegner in kurzer Zeit in jeweils zwei Teile zerreißt, um anschließend die restlichen Wachen gezielt mit einem Verbindungselement über den Jordan schickt. Natürlich habe ich dies nur zu Testzwecken innerhalb eines separaten Speicherstandes genutzt. Nutzen werde ich sie noch nicht, einfach weil ich nicht will, obwohl sie ebenso viel Spaß machen. Das ist das schöne an Dishonored: Wo andere Spiele nur an der Oberfläche solche Möglichkeiten einem vorgaukeln, ist es im Spiel des französischen Studios Arkane einfach möglich.

Das Sorgenkind

Neben den hervorragenden spielerischen Aspekten, trumpft Arkane erneut mit seinem Artstyle auf. Die überzeichnete, aber doch zu einem gewissen Grad realistische Darstellung der Spielwelt ist auch in Teil zwei ein absoluter Hingucker – auch wenn man beim näheren Betrachten so einige matschige Texturen entdeckt, die für das Jahr 2016 etwas unpassend wirken. Zum Glück schaffen es die Art-Designer das zu kaschieren, in dem sie den jeweiligen Leveln immer wieder eine fast schon einzigartige Gestaltung zusprechen. Die Stadt Karnaca selbst ist übrigens belebter als Dunwall, da hier noch keine so große Plage herrscht, die die Straßen leer fegt. So trifft man auf mehr NPCs, die dank der Void-Engine noch ein wenig plastischer und dadurch reeller wirken. Generell liefert die Engine zumindest in der Theorie ein interessantes beziehungsweise künstlerisches Bild ab, wären da nicht die nervigen Probleme.

Der PC-Port von Dishonored 2 ist schlicht unausgegoren: Optionen, die teilweise nichts bewirken, oder Anti-Aliasing-Einstellungen, die das Bild so dermaßen unscharf stellen, dass man gefühlt eine Brille benötigt oder eine Maus-Glättung, die lediglich über einen Eintrag in der .cfg-Datei änderbar ist. Vom extrem geringen Level of Detail (LoD) möchte ich gar nicht erst sprechen. Das größte Problem stellt aber wieder einmal die Performance dar, was angesichts der idTech 5 Engine schon fast nicht mehr überrascht. Aktuell ist es der Fall, dass der Prozess sich immer wieder automatisch die CPU-Priorität niedrig zuweist – für eine Anwendung, die CPU-intensiv ist, irgendwie kontraproduktiv. Mithilfe von Programmen wie Process Hacker oder Process Lasso kann man dem entgegen wirken und die CPU-Priorität höher stellen. Siehe da: Dishonored 2 läuft aufeinmal ein ganzes Stück flüssiger. Traurig eigentlich, dass sich mal wieder der Anwender mit solchen Kinderkrankheiten herumschlagen muss.

Fazit:

Dishonored 2 landet in wenigen Wochen definitiv in meiner Top 5 des Jahres 2016 und hätte eigentlich auch den Spitzenplatz verdient. Ähnlich wie schon beim Vorgänger von 2012 sind Gameplay, Artdesign und Gestaltung der Spielwelt hervorragend umgesetzt. Kaum ein Spiel schafft es so gut unterschiedliche Spielweisen unter einem Dach zu vereinen, ohne dass eine davon unterrepräsentiert ist. Zudem verzichtet Arkane auf den moralischen Finger, sondern lässt euch tatsächlich selbst den Weg wählen – ganz anders, als so manch andere Spiele, dieselbiges von sich behaupten, aber dann doch nicht umsetzen. Dishonored 2 ist in der Hinsicht schlichtweg fantastisch, sowohl an der Oberfläche, als auch darunter.

Umso enttäuschender, dass ausgerechnet wieder Technikprobleme den Spielspaß zu einem gewissen Grad ausbremsen. Eine umständlich deaktivierbare Maus-Glättung in einem Spiel, welches von Präzision und Geschwindigkeit lebt – ach komm bitte… Über die schwache Story kann ich persönlich hinwegsehen, da mir die Nebengeschichten, die Welt und das Spiel selbst genügend eigene Geschichte liefern. Aber der mangelhafte PC-Port ist mir schon ein kleiner Dorn im Auge, obwohl Dishonored 2 dadurch nicht völlig unspielbar wird.

Wer mit ein wenig Eigeninitiative klar kommt, dem rate ich aber dringend zum Kauf von Dishonored 2. Es ist eigentlich fast schon eine Schande, dass ausgerechnet solch ein Produkt mit solchen spielerischen und künstlerischen Stärken, sich viel zu wenig verkauft.

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