Crafting in Videospielen – Verschwendete Zeit

Sind wir doch einmal ganz ehrlich: Wenn wir ein Rollenspiel spielen, dann wollen wir der gefeierte Held oder hin und wieder das abgrundtief Böse sein. Was wir nicht wollen? Brot backen, Waffen schmieden oder Holz hacken – zumindest mir geht der Crafting-Wahn in Videospielen gehörig auf den Nerv. 

Überall hämmert, zimmert und schneidert es in Videospielen: Das Herstellungshandwerk ist mittlerweile gefühlt genauso oft vertreten wie Erfahrungspunkte und Pseudo-Rollenspiel-Elemente. Längst ist der Spieler nicht mehr nur noch der Held der jeweiligen Welt, sondern zugleich auch noch der nimmermüde Arbeiter, der sich nicht einmal zu fein dafür ist, dutzende Eisendolche herzustellen, um sie anschließend weiterzuverkaufen. Doch egal ob The Elder Scrolls, World of Warcraft oder The Last of Us: Mich ödet es einfach nur noch an.

Von wegen “selber herstellen”

Anstatt mir unterhaltsame Aufgaben vor die Füße zu werfen, lassen mich die Entwickler Blümchen sammeln, Holz hacken oder Erze aus dem Stein schlagen, damit die Spielzeit schlussendlich viel größer ausfällt. Eine wirklich spannende Tätigkeit ist das nahezu nie, denn kaum ein Spiel hat es bislang verstanden, Crafting als kreativen Prozess zu verstehen. Vor allem viele Rollenspiele scheitern daran. In World of Warcraft sind die meisten Berufe unfassbar simpel, etwa als Bergbauer mit rechtsklick auf ein Erz dieses abzubauen, und besitzen zu Beginn nicht einmal einen wirklichen Vorteil. Als Schmied darf ich mir Sachen herstellen, welche absolut keinen Mehrwert gegenüber den Gegenständen darstellen, die ich durch Aufgaben oder Dungeons erhalte. Warum sollte ich mir also die Mühe machen, am Anfang mehrere Minuten meinem Charakter dabei zuzusehen, wie er gelangweilt vor einer Schmiede steht und mit einem Hammer in die Luft schlägt?

Ähnliches gilt für The Witcher 3 oder Mass Effect, bei dem es sogar teilweise Aufgabe einer Quest ist, dass ich jemanden die Ressourcen X und Y bringe, damit er mir was herstellt. Dabei würde ich den Typen lieber gern ein paar mehr Gold oder Credits überweisen, wenn er sich den Kram einfach selbst sucht und mir anschließend die fertige Waffe rüberreicht. Denn ich selbst werde bei diesen Tätigkeiten oder beim Crafting ganz generell nie gefordert. In vielen Fällen sind es nur simple Menüs, in denen das Handwerk in Form von glorifizierten Ladebalken stattfindet. Ich selbst bastel nicht, ich schlage nicht selbst mit der Spitzaxt zu und Pfeile landen automatisch im Köcher.

Pure Streckung

Findet das irgendwer tatsächlich heldenhaft? Ist das wirklich eine spannende Tätigkeit, die man in einem Videospiel erleben möchte, welches sich sonst mit dem Ende der Welt oder einer anderen Gefahr auseinandersetzt? Oder ist es nicht doch nur eine langweilige, monotone Aufgabe, die den Spieler mal mehr, mal weniger aufzwungen wird, damit die Spielzeit künstlich gestreckt wird? Ich glaube eher an Letzteres. So lässt sich ganz einfach behaupten, dass ein “Open World”-Rollenspiel auf einmal 150 Stunden Inhalt bietet. Nüchtern ist man davon wahrscheinlich nur etwa 50 Stunden wirklich mit klaren Zielen beschäftigt, während der Rest fürs Holz hacken drauf geht.

Damit das aber nicht so sehr auffällt, hantieren die Entwickler mit einer halbwegs klassischen Suchtspirale: Wenn du diese Ressourcen sammelst, kannst du dir irgendwann ein tolles Schwert herstellen, welches zwei Schadenspunkte mehr austeilt. Dafür hat sich die ganze Arbeit doch absolut gelohnt! Oder aber man löst es wie Bethesda und lässt einen in Fallout 4 ganze Basen zurechtdekorieren, dessen endgültiger Sinn sich aber nie so ganz herauskristalliert. Ist aber auch egal, hauptsache der Spieler hat damit weitere 20-30-40 Stunden totgeschlagen und er fühlt sich gut, wenn er seine Spielzeit sieht.

Es geht auch anders

Dabei muss Crafting ja nicht einmal so unfassbar langweilig sein. Minecraft ist hierfür das nahezu perfekte Beispiel, welches Crafting als relevanten Spieleprozess verstanden hat, der nicht einfach nur in einem Menü stattfindet. Wer das Klötzchenspiel zum ersten Mal startet und kein Vorwissen hat, wird überrascht sein, wie intuitiv und doch halbwegs komplex die Herstellung von Rüstungen, Waffen oder Spitzäxten sein kann. Einfach nur die Materialen zu besitzen reicht nicht, zuvor benötigt es die entsprechende Blaupause, die man selbst herausfinden muss – zumindest war das damals so.

Minecraft hat aus dem sonst eher passiven Crafting-Prozess etwas aktives gemacht, bei dem ich wirklich selbst Hand anlegen muss und nebenbei eine (vielleicht) fantastische Welt erkunde. Natürlich klappt das so in der Art nicht bei jedem Spiel, das ist mir klar. Aber dann verzichtet man halt auf ein Crafting-System und sucht stattdessen andere Möglichkeiten, die offene Welt dem Spieler näher zu bringen. Ich zumindest würde meine Zeit lieber gerne in zufriedenstellende Mechaniken investieren anstatt weiterhin Bögen zu zerlegen, damit ich Holz bekomme…

6 Kommentare

  1. Ich persönlich sehe das Crafting an sich, wie es in WoW z.B. ist nicht so schlimm. Klar, 95% der Sachen die man craftet sind absoluter Müll, aber am Ende erwarten einen dann tatsächlich sehr interessant Gegenstände. ich bin allerdings auch jemand, den sowas nicht stört. Mich stört es kaum mal ein paar Stunden Erze zu hauen oder Kräuter einzusammeln.

    Würde mich sowas stören, hätte ich wohl kaum so viel Zeit in Warframe verbracht und da kommt man ums craften nicht wirklich rum. Solange man mir ein Ziel gibt, auf das ich hinarbeiten kann is alles gut.
    Bei Fallout, wie du es hier ja auch erwähnt hast, sieht das aber schon wieder anders aus. Nicht nur ist das Sammeln von Ressourcen ziemlich nervig, auch der Basenbau selbst hat keine wirklich Bewandtnis. Es gibt keine coole Belohnung wenn deine Basis 5000 zufriedene Einwohner hat.

    Der Vorteil ist natürlich, dass Crafting in vielen Spielen eher optionaler Natur ist. Du musst es oft nicht machen um wirklich voran zu kommen.
    Ausnahmen sind natürlich Genres wie Survival, die oft auf ihr Crafting System als zentrale Mechanik setzen. Da sind langweilige und hingeklatschte Crafting Mechaniken schon problematisch.

    Es stellt sich natürlich die Frage, ob man die Ressourcen, bei Genres die eigentlich kein Crafting als Zentrale Spielmechanik haben, dann nicht in andere Teile der Entwicklung stecken sollte. Vielleicht schon, aber seien wir mal ehrlich: Crafting wird es immer beliebter bei Entwickler, egal wie belanglos, und vielleicht wird das ein oder andere Spiel erscheinen, welches ein Innovatives und spaßiges Craftingsystem mitbringt, aber der 0815 Gamer hat da keine Lust drauf, und auf sowas stellen sich die Entwickler ein.
    Lieber simpel und die Masse ansprechen, als ein Experiment und nur Wenige begeistern. Das ist aber nicht nur ein Problem beim Crafting, welches nun immer öfter auftaucht, sondern generell bei Spielmechaniken.

    So, da ich nun vergessen haben was ich noch schreiben wollte und wahrscheinlich super durcheinander gekommen bin wars das von mir. Is früh. Gut Nacht.

  2. Das Crafting fällt mir besonders negativ gerade bei Zelda Breath of the Wild auf…jedes verfickte Gericht musst erst mal händisch zusammengesucht werden und dann gibt diese schöne Animation (die man immerhin überspringen kann). Oder gibt es hier eine Abkürzung?

      1. Wenn du auf Gravatar eine E-Mail-Adresse registriert hast, übernimmt WordPress automatisch das Bild von dort. Die sind wohl irgendwie fest miteinander verbunden oder so.

  3. Ja und nein. Finde Crafting wie es in MMOs und Open World spielen umgesetzt sind genau so Zeitverschwendung wie du.

    Minecraft MUSS Crafting gut machen, weil es „Crafting the Game“ ist. Das ist es eine der Kernspielmechaniken.

    The Last of Us hier als ein Negativbeispiel zu lesen macht mich aber traurig. Gerade da, hat es mich gefreut wie gut und gleichermaßen simpel das umgesetzt ist. z.B das direkte craften im Menü mit einem Knopfdruck und Überlegungen wie „Ich habe jetzt Tuch gefunden, mache ich daraus eine Bandage oder einen Molotow?“ sind gerade im höchsten Schwierigkeitsgrad überlebenswichtig und sind ein Teil der Spielerfahrung.

    Das Crafting ist mit 6 Items, die man aus 6 Zutaten kombiniert, dazu auch komplett übersichtlich und definitiv keine Zeitstreckung.

    Was hast du daran auszusetzen?

    1. “Minecraft MUSS Crafting gut machen, weil es „Crafting the Game“ ist. Das ist es eine der Kernspielmechaniken.”

      Das stimmt natürlich. Aber das geht eben auch viel schlechter, wie zahlreiche Survival-Spiele immer wieder unter Beweis stellen. Dort gehört Crafting ja auch zur Spielerfahrung fest dazu, es ist eine der Kernkomponenten, aber oftmals auch nur sehr langweilig – zumindest was so manchen Herstellungsprozess angeht.

      Zu The Last of Us:

      Ja, es war übersichtlich und recht intuitiv, aber für mich hat es das Spiel – zumindest auf dem normalen Schwierigkeitsgrad – nicht entscheidend besser gemacht. Es war da, aber ich hätte ohne ganz gut leben können. Wie es auf den höheren Schwierigkeitsgraden aussieht, weiß ich nicht. Kann natürlich sein, dass es dort dann deutlich wichtiger wird.

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